UNSERE GEFÜHLE SIND EIN WICHTIGER THERMOSTAT FÜR UNSERE KULTUR

 Fast acht Jahre haben wir uns nicht gesehen und am nächsten Samstag ist es wieder soweit. Unsere, nun seit 30 Jahren alt eingeschworene Fünfer-Abi-Gruppe, trifft sich wieder. Wir steigen mit einem ausgedehnten Frühstück ein. Es gibt für jeden mindestens drei Tassen Kaffee und natürlich auch einen Prosecco zum Anstoßen – auf das nun endlich gelungene Wiedersehen. Jeder von uns ist neugierig auf den anderen und voller liebevoller Erinnerung aus der Vergangenheit. Es gibt so viel zu erzählen, die Worte und Fragen überschlagen sich fast. Wir lassen gemeinsam den Tag dahingleiten und es wird ein Tag voller gemeinsamer Erlebnisse, Inspiration und belebender Frische.

NICHT NUR DEN VERSTAND BENUTZEN

An diesem Tag bin ich und alle anderen nicht nur neugierig darauf, welchen Job Alex jetzt ausfüllt, welche Tätigkeit Ute nachgeht und wer ihr aktueller Arbeitgeber ist. Ganz im Gegenteil, für uns alle ist es bedeutsam, wie geht es Babara auf emotionaler Ebene, welche freudigen Momente will Karin teilen, wo liegen aber auch ihre aktuellen Alltagssorgen. Was treibt Steffi gerade gedanklich um.

In unserer Begegnung liegt so viel Offenheit, Mitgefühl und Empathie, dass sich jeder auf seine eigene Art und Weise fallen lässt und Kraft tanken kann. Der Tag hatte kein Ergebnis und auch kein Ziel und trotzdem fahren wir alle erfüllt und bereichert nach Hause.

GEFÜHLE UND GEFÜHLSWAHRNEHMUNGEN GEHÖREN INS UNTERNEHMEN

Warum gelingt uns ein Öffnen und eine innerliche Weite auf unserer privaten Ebene viel, viel leichter und im Job eher viel zu selten?

Weil es immer noch sehr viele Menschen gibt, die bewusst für ihr Arbeitsleben entscheiden, nur mit ihrem Verstand zu agieren, oder aber schon gar nicht mehr anders agieren können, als mit ihrem Verstand. Nicht selten höre ich, was haben Gefühle im Job zu suchen. Darauf antworte ich: „Sehr viel!“

Selbst wenn ich Gefühle bei mir, in Teams oder im gesamten Unternehmen ignoriere – sind sie da. Ich bekomme sie mit meinem eigenen Ignorieren nicht weg. Ganz im Gegenteil, wenn ich sie ignoriere, beeinflussen sie als Schwelfeuer meine gesamte Beziehungsgestaltung im Unternehmen und damit auch die Kultur. Warum? Weil wir Menschen emotionale und soziale Wesen sind und keine rationalen.

WIR SIND INTELLIGENTER, WENN WIR ES ZULASSEN

Eines der wichtigsten Fähigkeiten in einer komplexen Welt, ist eine hohe und breitere Wahrnehmungskompetenz, damit wir uns flexibel auf die plötzlichen Anforderungen ausrichten können. Dazu verfügen wir als Mensch über drei unterschiedliche Wahrnehmungssysteme und dies macht uns in besonderer Art und Weise auch aus. Wir haben unser Bauchgefühl, unser Herz und unseren Verstand, die immer aktiv sind, auch wenn wir sie ignorieren oder ignorieren wollen. Das intuitive Bauchgefühl ist oft das System, was am schnellsten wahrnimmt, dann kommt unser Herz und am langsamsten ist unser Verstand, dies hat mit unserem Denkprozess zu tun.

GEFÜHLE PRÄGEN DIE KULTUR IM UNTERNEHMEN

Eher im traurigen Sinne bewegt mich heute, dass es in dem meisten Unternehmen bisher noch nicht gelingt mit diesen wertvollen Intelligenzsystemen (Bauch, Herz, Verstand) umzugehen und sie einzubinden. Gerade im Wandel in eine komplexere Welt ist es nicht mehr möglich viele Aspekte verstandesmäßig abzubilden, dies überfordert uns vielfach im Alltag. Was bleibt, sind Orientierungslosigkeit, ein Gefühl des nicht Beherrschbaren, des Zweifels und der Angst. Diese Gefühle beeinflussen im hohen Maße die gesamte Beziehungsgestaltung und Kultur des Unternehmens und können dazu führen, ein Unternehmen erstarren zu lassen.

Daher gibt es heute eine große Aufforderung sich mit der Denk- und Fühlweise im Unternehmen auseinanderzusetzen, sie offen zu legen und in der Kommunikation mit einzubinden.

ZYNISMUS KANN EINE UNTERNEHMENSKULTUR VERBITTERN

Vielfach nehme ich wahr, dass viele Situationen und Möglichkeiten im Arbeitsalltag auch mit dem Herzen wahrgenommen werden. Wir wissen in unserem Inneren, dass dies der richtige Weg, die richtige Entscheidung ist. Wenn wir aber jetzt aufgrund von starren Rahmenbedingungen und der Ignoranz von Gefühlen nicht handeln dürfen, dann erzeugt dies Zynismus. Wir kompensieren unsere eigene Ohnmacht mit einer Denkhaltung, die die geltenden Normen und Rahmenbedingungen ablehnt und für lächerlich hält. Dies führt zur Verbitterung im Unternehmen.

DIE EMOTIONALE INTELLIGENZ LEBT

Für viele der neuen Anforderungen brauchen wir erweiterte soziale Fähigkeiten und emotionale Intelligenz (EQ). Der EQ umfasst die Fähigkeiten, Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen. Ich als Führungskraft und Unternehmensgestalter sollte heute mit meinen eigenen und den Gefühlen der anderen umgehen können. Dies bedeutet, Gefühle als Ressource und Wahrnehmungskanal zu erkennen und sie weniger als eine Laune oder zeitweise Unpässlichkeit abzutun, der wir willenlos ausgeliefert sind. So nach dem Motto: „Dies ist halt gerade so, da müssen wir jetzt mal durch.“ Oder richtig hart: „Stellt Euch nicht so an.“

WIR BRAUCHEN MEHR, UM GEMEINSAM ERFOLGREICH ZU SEIN

Es geht also schon heute nicht nur um eine neue Denkweise und deren Erweiterung (Weltbild), sondern auch um eine neue oder überhaupt sensorische Fühlweise. Es muss gelingen, dass wir unsere Menschenbild-Kompetenz erweitern, da wir in einer komplexeren Welt noch mehr darauf angewiesen sind, Menschen mit ihren Intelligenzen (Intuition, Herz und Verstand) einzubinden.

War es in der Vergangenheit noch allgemein verbreitet und vielleicht ist es an der ein oder anderen Stelle immer noch gültig, dass Gefühle auf der Arbeit und damit im Unternehmen nichts zu suchen haben, so ist dies heute nicht mehr haltbar.

Heute kann man mit gefühllosen Unternehmensgestaltern und Führungskräften nur noch wenig anfangen und ihre Wirkung ist gering.

EINE NEUE VORSTELLUNG ENTWICKELN UND MEHR WAHRNEHMEN

Mir sollte es als Unternehmensgestalter und Führungskraft gelingen, mit dem Bewusstsein zu agiere, dass wir uns gemeinsam in einem sich gegenseitig bedingenden und erschaffenen System befinden. Wir haben gemeinsam bestehende wechselseitige Verbindungen auch in unsere Umgebung hinein. Mit dieser erweiterten Haltung sehen wir uns dann nicht mehr getrennt und schätzen mehr und mehr die Potenziale unserer Mitarbeiter. Eine verbindende Haltung ermöglicht uns das ganze WIR wahrzunehmen, was nun mal da ist und auch eine Chance bedeutet. Hier beziehen wir Persönlichkeit, Verhalten, Kultur und Struktur in unseren Entscheidungen und Vorgehensweisen mit ein.

WAS MÖGLICH WIRD – GESTALTERISCHER WANDEL

Wenn wir mit einer höheren WIR-Wahrnehmung und einem guten Empathievermögen agieren können, schaffen wir es leichter ein Klima von Vertrauen, Authentizität, Motivation und Selbstverantwortung zu prägen. Wir werden dann auch unternehmerisch spüren, so wie wir es aus vielen verbundenen privaten Beziehungen kennen z. B. unter alten Schulfreunden, dass sich Menschen dann stärker miteinander verbunden fühlen und die Veränderungsbereitschaft, den Herausforderungen des Wandels gestalterisch zu begegnen, unweit größer ist.

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