Wenn du als Führungsfrau innerlich unruhig bist, obwohl die Woche objektiv gut war, interpretierst du das vermutlich als Warnsignal. Du machst mehr, analysierst länger, holst dir Bestätigung von außen. Was, wenn genau das der Moment wäre, in dem du wirklich wächst, und nicht der Moment, in dem etwas schiefgeht?
Das Muster, das fast alle Führungsfrauen kennen
„Du müsstest längst weiter sein.“
„Anderen geht das doch leichter.“
„Irgendwas stimmt mit dir nicht.“
Vielleicht nicht in diesen Worten. Vielleicht nicht laut. Aber da. Als Unterton. Als dieses leise Drücken hinter allem, was du tust.
Und was tust du dann? Du machst mehr. Nochmal das Gespräch im Kopf durchlaufen. Noch ein Buch. Noch ein Podcast. Noch mehr von dem, was du schon tust, nur intensiver, schneller, gründlicher.
Als ob du die innere Unruhe weglaufen könnte, wenn du nur schnell genug bist.
Ich kenne das so gut. Ich habe das jahrelang gemacht. Bis ich angefangen habe, mal hinzuhören, nicht wegzulaufen, sondern zu fragen: Was willst du mir eigentlich sagen?
Die Bereichsleiterin, die glaubte, zurückgefallen zu sein
Es war ein Dienstagvormittag. Draußen grauer Hamburger Himmel, drinnen eine Frau, die mir gegenübersitzt und, das spüre ich sofort, eigentlich gar nicht hier sein will. Nicht bei mir. Nicht bei sich. Nirgendwo.
Sie ist Bereichsleiterin, zwölf Jahre Erfahrung, das Team liebt sie. Und sie ist seit Monaten dabei, sich wirklich zu verändern. Weniger zu retten. Mehr zuzuhören. In Gesprächen Pause zu lassen, auch wenn es wehtut.
Objektiv: Sie wächst. Überzeugung: Irgendetwas stimmt mit ihr nicht.
„Die Woche war eigentlich gut“, sagt sie. „Aber ich bin so unruhig. Ich schlafe schlecht. Ich zweifle an Entscheidungen, die ich vorher gar nicht hinterfragt hätte. Es fühlt sich an, als wäre ich weniger kompetent als früher.“
Ich frage: „Und was tust du mit dieser Unruhe?“
„Ich versuche, sie wegzumachen. Ich analysiere mehr. Ich bitte Kolleginnen um Feedback. Ich suche Bestätigung, dass ich es richtig gemacht habe.“
Dann stelle ich ihr die Frage, die alles verändert:
„Und wenn diese Unruhe nicht das Zeichen ist, dass du zurückgefallen bist, sondern das Geräusch, das entsteht, wenn du wirklich wächst?“
Lange Stille. Sie schaut aus dem Fenster. Dann, sehr leise:
„Das… hat mir noch nie jemand so gesagt.“
Das Paradox der Reifeentwicklung: Glätte ist kein Zeichen von Wachstum
Wir sind aufgewachsen mit einer klaren Gleichung: Kompetenz = Ruhe. Orientierung = Reibungslosigkeit. Wachstum = wird leichter.
Und deshalb interpretieren Führungsfrauen emotionale Turbulenz fast automatisch als Warnsignal. Als Zeichen, dass sie noch nicht weit genug sind.
Emotionale Glätte ist oft das Zeichen von Stagnation. Das Alte ist vertraut. Das Alte läuft auf Autopilot. Das Alte fühlt sich ruhig an, weil es dich längst nicht mehr berührt.
Emotionale Turbulenz ist oft das erste Zeichen echter Veränderung. Wenn eine neue Art zu führen beginnt, in dir real zu werden, ist das nicht geräuschlos. Alte Muster brechen auf. Das Schütteln gehört dazu.
Die Raupe, die sich auflöst, ist nicht krank. Sie verwandelt sich.
Deine Intuition weiß das längst. Sie sendet dir innere Unruhe in der Führung nicht als Strafe, sondern als Information. Die Frage ist nur, ob du ihr zuhörst oder sie wegtäubst.
Drei Entwicklungsstufen im Umgang mit Selbstzweifel in der Führung
Stufe 1: „Das muss aufhören“
Hier ist die innere Unruhe das Problem, das gelöst werden muss. Du analysierst, holst Bestätigung, machst mehr vom Gleichen. Die Unruhe wird kurzfristig kleiner, kommt aber wieder. Weil du sie betreibst, statt ihr Geheimnis zu lüften.
Stufe 2: „Ich weiß, es gehört dazu, aber ich halte es kaum aus“
Das Wissen ist im Kopf. Aber der Körper hat es noch nicht erreicht. Du schwankst: mutiger, dann wieder zurück. Du spürst, dass du dir selbst im Weg stehst.
Stufe 3: „Ich lese die Turbulenz“
Hier kämpfst du nicht mehr gegen die innere Unruhe. Du hörst ihr zu. Du hast gelernt zu unterscheiden:
Wachstums-Turbulenz fühlt sich lebendig-unfertig an. Unangenehm, aber nicht bedrohlich. Deine Intuition sagt: weiter.
Signal-Turbulenz fühlt sich dunkel und eng an. Sie wiederholt sich. Deine Intuition sagt: hier stimmt wirklich etwas nicht.
Der Turbulenz-Check: Die eine Frage, die alles verändert
Ich gebe dir nicht drei Übungen. Ich gebe dir eine, aber die richtig.
Wenn du das nächste Mal spürst: „Irgendwas stimmt nicht“, und du merkst, du willst sofort analysieren oder bestätigen lassen:
Halt inne. Nur fünf Sekunden. Atme aus. Füße auf dem Boden spüren.
„Fühlt sich das lebendig-unfertig an, oder dunkel-eng?“
Lebendig-unfertig: Das ist Wachstum. Bleib. Halt es aus. Sie ist kein Zeichen gegen dich.
Dunkel-eng: Das ist ein echtes Signal. Hör hin. Was zeigt dir das über die Situation, die Entscheidung, das Umfeld?
Du wirst diese Unterscheidung nicht sofort perfekt können. Aber allein die Frage unterbricht den Automatismus. Und genau da beginnt Reifeentwicklung in der Führung.
Deine Mini-Reflexion für diese Woche
Nimm dir drei Minuten, gerne jetzt, und erinnere dich an die letzte Situation, in der du innerlich unruhig warst und sofort etwas dagegen getan hast.
Wo spürst du gerade innere Unruhe in deiner Führung? Und wenn du ehrlich hinschaust: Fühlt sie sich lebendig-unfertig an, also nach Wachstum, oder dunkel-eng, also nach einem echten Signal, das Aufmerksamkeit braucht?
Schreib die Antwort auf. Nicht als Aufgabe. Als Spiegel.
Reife bedeutet nicht, keine Unruhe mehr zu fühlen
Diese Erschöpfung, die nicht von der Arbeitslast kommt. Die von dem kommt, was du dir selbst sagst, wenn es in dir rauscht.
Was wäre, wenn die innere Unruhe nicht der Beweis gegen dich ist, sondern das ehrlichste Zeichen, dass du wirklich wächst?
Liebe Grüße,
Deine Eva
Du willst wissen, auf welcher Entwicklungsebene du führst?
Der Future Leadership Radar zeigt dir, wie du deine innere Verfassung liest, wo dein nächster Entwicklungsschritt liegt und was in dir noch wartet.
Reife-Booster für Gestalterinnen: Der Newsletter für Haltung, Tiefe und Female Leadership, die bleibt!
Trag dich hier ein und sei dabei, wenn Haltung, Mut und Spirit jede Woche den Unterschied machen.




