DIE INNERE ZERRISSENHEIT

Drei Tage vor Weihnachten, fast alle anstehenden Termine sind erledigt. Nun stehen noch kleine Restarbeiten aus. Ach ja, und eigentlich auch noch zwei größere konzeptionelle Arbeiten. Aber ich bin mutig und schiebe sie in das neue Jahr. Ganz sicher gleich an den Anfang des Jahres…oder erledige ich sie vielleicht doch zwischen den Jahren?
Ich spüre im Inneren, ein Teil will jetzt schon mal loslassen, in die ersehnte Entspannung gehen.  

Ein anderer Teil sagt zu mir, „aber das könntest du noch schaffen, du willst doch nicht etwa so halb fertig in die Feiertage gehen. “Die innere Zerrissenheit zeigt mir auf, ich bin noch nicht im entspannten Weihnachtsmodus angekommen.

IN FUNKTION BLEIBEN

Früher wäre ich einfach über diese Situation hinweggegangen. Ich hätte mir selbst die Verpflichtung abgenommen: Bleib dran! Bring dies zu Ende! Das schaffst Du noch.
Dabei hätte ich ignoriert, dass jetzt ein Herunterfahren wirklich mal angesagt wäre. Wahrscheinlich hätte ich das Bedürfnis noch nicht mal wahrgenommen. Rückenschmerzen, die eingetreten wären, hätte ich mit allgemeinen Alltagssituationen abgetan, Kopfschmerzen sind ja in dieser Jahreszeit eh üblich, hätte ich zu mir gesagt und schlechter Schlaf liegt einfach an der aktuell etwas zu wenigen Bewegung, aber dies wird sich schon wieder ändern. Für alles hätte ich Gründe gefunden, wäre immer schön im Verstand geblieben. Zu mir selbst hätte ich innerlich gesagt, „läuft vielleicht nicht ganz rund, aber ich habe alles im Griff“.
Kurz gesagt: Ich hätte mal wieder ignoriert, wie ich mich eigentlich fühle.

Viel zu sehr wäre ich damit beschäftigt gewesen, dass im Außen alles funktionieren und ich meiner übernommenen Verantwortung gerecht werden muss. Ich wäre noch nicht mal auf den Gedanken gekommen, dass es vielleicht auch eine Verantwortung mir selbst gegenüber gibt.

UNSERE GEFÜHLE SIND DAS THERMOSTAT

Genau die gleiche Situation erlebe ich heute in vielen Unternehmen, das Hamsterrad, das Herstellen wollen und das ständig Leistende. Was viele von uns aber verlernt haben, ist sich und ihre Gefühle einordnen zu können. Immer wieder stelle ich fest, dass viele hoch engagierte Menschen ihre Gefühle nicht mehr wahrnehmen und dadurch auch nur schwer beschreiben können. Sie haben das Fühlen verlernt. Sie fühlen nicht mehr, dass sie eigentlich erschöpft sind, sie nehmen nicht mehr wahr, dass sie viele Details ausblenden, sie haben keine Kraft mehr neue Wege einzuschlagen, sie haben keinen gedanklichen Freiraum mehr überhaupt neu zu denken. Sie haben ihr eigenes Gefühlsthermostat auf stumm geschaltet.

FÜR UNSERE VERÄNDERUNG BRAUCHEN WIR EMOTIONALE DRINGLICHKEIT

In einer komplexen Welt sprechen wir immer wieder davon, dass wir unsere Wahrnehmungskompetenz erweitern müssen, damit wir Muster erkennen können. Da wir selbst als Menschen ein sehr komplexes Gebilde sind, gilt diese Wahrnehmungskompetenz natürlich auch für uns. Denn nehmen wir uns selbst aufmerksamer wahr, durch unsere Gefühle, oder indem wir über uns selbst Tagesbeobachtungen anstellen, so haben wir uns gegenüber die Chance Muster zu erkennen, die uns zurückhalten, die uns krank machen und die uns nicht wachsen lassen. Wir werden uns nicht verändern durch ein neues Funktionieren, nicht durch neue Methoden und auch nicht durch neue Planungsansätze

Wir werden uns verändern, wenn wir eine emotionale Dringlichkeit spüren, wenn wir es innerlich nicht mehr aushalten, wenn wir die Situation nicht mehr ertragen, wenn wir das Gefühl haben immer weniger dazuzugehören zum Leben, zur Gemeinschaft und zur Zukunft.

WIR SOLLTEN ANFANGEN MEHR ÜBER UNS ZU LERNEN

Unsere Gefühle, soweit wir sie zulassen und wahrnehmen können, sind ein wundervolles Instrument. Ein Instrument, welches uns ein STOP-Schild sein und uns aufrütteln kann, um einen anderen Weg zu beschreiten und uns auffordert über Dinge nachzudenken. Es gibt uns die Chance auf unsere Muster zu blicken, welche wir konditioniert über Jahre ablaufen und (in einer sich ständig verändernden Welt) in die falsche Richtung ziehen lassen.

Wir haben so viel gelernt, was wir alles im Außen beobachten und bewerten können, wir haben aber nicht gelernt, wie wir uns selbst beobachten können. Wir haben nicht gelernt, uns selbst aufmerksam wahrzunehmen und wir haben nicht gelernt, wie wir unsere eigenen Konditionierungen aufheben können.

Heute in einer komplexen Welt, wo uns die Dinge tagtäglich in veränderter Form um die Ohren fliegen, wird die eigene Wahrnehmung darüber, wie wir uns fühlen, denken und wie wir handeln zum entscheidenden Faktor unserer Zukunftsfähigkeit.

 

EIN WEIHNACHTEN IM LOCKDOWN

Zu einem Zeitpunkt, wo alles runtergefahren wird, wo Stille eintritt und wo das Rauschen des Alltages leiser wird, eröffnet sich für uns die Möglichkeit unsere Wahrnehmung für uns selbst zu erhöhen und uns zu besinnen, wer wir eigentlich sein wollen.

Sicherlich kein Mensch der ständig im Hamsterrad dreht, fremdgesteuert ist, durch das Leben hetzt und der das „leise“ Wahrnehmen verlernt hat.

Wir haben so viel mehr zu geben, wenn wir ab und zu innehalten. Mir gelingt es zunehmend besser und trotzdem bin ich immer noch auf einem großen Lernweg. Daher nutze ich das diesjährige besondere Weihnachtsfest und komme noch mehr an, bei mir, im Hier und im Jetzt. Gern lade ich Euch dazu ein!

#ichkultur

 

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