„Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl, irgendetwas fehlt, fühlt sich nicht richtig an.“

„Was meinst du?“ fragte ich Senja, eine engagierte Teamleiterin, als ich sie vorherige Woche beim Workshop traf.

„Wir kommen alle wieder ein wenig zurück aus dem Homeoffice und tatsächlich haben wir auch eine unternehmerische Regelung, die den zukünftigen Rahmen regelt. Wir können weiterhin bis zu 3 Tage Homeoffice integrieren. Eigentlich ein sehr angenehmer Rahmen, aber ich habe den Eindruck, dass dieser Rahmen uns nicht zusammenführt. 

Es bleibt weiterhin alles so statisch. Jeder schaut jetzt nur, wann er seine Homeoffice-Tage legt, aber wir kommen nicht zusammen und ich kann auch keine Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden spüren.“

Passt doch alles, oder?
Was Senja schildert, ist eine Situation, welche ich die Tage nicht nur einmal gehört habe. Die meisten Führungskräfte und Kulturgestaltenden klagen über weiterhin fehlende Verbundenheit und solch statisches Nebeneinander. Was ist passiert?

Seit 01.07.2021 ist für die Unternehmen die Homeoffice-Pflicht weggefallen und die meisten Unternehmen haben mittlerweile Rahmenbedingungen gefunden, wie sie zukünftig die Homeoffice-Regelung realisieren wollen. Diese Regelung gilt grundsätzlich für alle Mitarbeitenden und wird vielfach von den Teams und Abteilungen 1:1 übernommen. Meist erfolgt über das Intranet eine Verkündung an alle Mitarbeitenden.

Grob betrachtet kann man sagen, dies ist doch ein sehr guter Ansatz, zumal man mit einer „bis zu drei Tagen Homeoffice-Regelung den bisherigen Untersuchungen und Befragungen der Angestellten gerecht wird, da sich ca. 70% auch zukünftig eine Mischregelung wünschen.“ Warum bemerkt man trotzdem so ein Schleier der Unzufriedenheit?

Wir sind mehr als nur eine Ressource
Die unternehmerische Homeoffice-Regelung ist ein unternehmerisch vorgegebener Rahmen, der den Mitarbeitenden, Teams und Abteilungen sicherlich auch eine Orientierung ermöglicht. Diese Regelung kann aber nicht die klimatischen oder kulturellen Spezifika berücksichtigen. Mit einer unternehmerischen Homeoffice-Regelung, welche wir in jedem Fall brauchen, erleben sich die Mitarbeitenden aber wieder als Ressource. Eine Einordung für alle, ohne individuelle Berücksichtigung.

Der innere Schrei nach “gesehen werden”
Diese fehlende individuelle Komponente ist das, was bei den meisten Menschen im Unternehmen auf der Seele brennt. Denn während der Corona-Zeit haben sie ihre eigene Individualität teilweise wiederentdecken dürfen, haben Bedürfnisse gespürt, die vielleicht immer nach hinten geschoben wurden und haben vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung kennengelernt.

All diese Erfahrungen wollen Menschen auch mit in die Zukunft nehmen. Sie tragen den inneren Wunsch in sich, dass sich wer dafür interessiert, dass man darüber sprechen kann, dass man in Gemeinschaften individuelle Wege findet.

Dies ist durch die unternehmerische Homeoffice-Regelung nicht leistbar. Diese individuellen Besonderheiten müssen Raum in kleineren Einheiten, wie Teams, Projektgruppen oder Abteilungen bekommen. Hier geht es um ein gemeinsames Wie? Wie wollen wir in unserer Gemeinschaft zukünftig zusammenarbeiten? Wie wollen wir unter Berücksichtigung der Individualitäten in unserem Team, der Bedürfnisse und der bisher gemachten Erfahrungen unsere Zusammenarbeit orchestrieren.

Die individuelle Gemeinschaft im völligen Chaos
Auch oder vielleicht gerade im Kontext der jeweiligen Teamkonstellationen fragen sich innerlich auch einige Mitarbeitende: „Wie soll dies ganz speziell in unserem Team oder in unserer Abteilung funktionieren?“ Nicht alle Mitarbeitenden können eine unkomplizierte Vorstellung davon entwickeln, wie man die neue Situation arrangieren kann. Oft gibt es viele Fragen:

Wann kommen wir wirklich alle zusammen und stimmen uns ab? Wie gestalten wir die Schnittstellen zu anderen Abteilungen in der Zukunft, wenn die gerade zu der Zeit, wo wir da sind, gar nicht greifbar sind? Was machen wir, wenn nun alle am Montag oder Freitag Homeoffice machen wollen? Ist dies möglich? Wie kann ich mir meine zwei Mittagsläufe in der Woche erhalten?

Die Liste ließe sich endlos fortführen, weil die Fragen, die Mitarbeitende heute im Kopf tragen sehr unterschiedlich sind.

Schlechten falls regelt das jeder nach seiner eigenen Egostrategien und berücksichtig nicht die Gemeinschaft. Dabei werden einige für sich selbst gewinnen und viele andere verlieren. Auch das Unternehmen selbst.

Wünsche und Erwartungen der anderen – für uns nicht sichtbar
Dazu kommt, dass wir zwar ca. 70 % der Mitarbeitenden haben, die die Mischregelung favorisieren, aber eben 30 Prozent auch nicht. Darunter sind Menschen, die in der Corona-Zeit vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass 100 % Homeoffice genau das Richtige für sie ist und andere wiederum, die nun endlich froh sind, nicht mehr zu Hause arbeiten zu müssen und dies auch wirklich nicht mehr wollen.

Es könnte sein, dass du von der letzteren Gruppe sogar nicht nur 20 oder 30 % hast, sondern 50 %.

Solange es uns nicht gelingt, all die Gedanken, Erwartungen und nicht beantworteten Fragen an die Oberfläche zu heben und sie greifbar zu machen, solange werden wird auch dieses frustrierende Gefühl nicht los, dass hier irgendwie eine klimatische Störung vorliegt. Diese wird keine förderliche Arbeitskultur hervorbringen.

Ein guter Zeitpunkt? JETZT!
Ich weiß, dass es immer noch einigen sehr schwerfällt, solche Themen anzusprechen wie Erwartungshaltungen offenlegen, über Gefühle zu sprechen und Wünsche zu äußern.

Aber genau dies ist heute ein bedeutender Teil von Führung. Wie wir aus unterschiedlichen Untersuchungen auch aus den Zukunftsinstituten wissen, ist die Vielfalt von individuellen Lebenssituationen, -stilen und -bedürfnissen in der Corona-Zeit noch mehr auseinandergebrochen. Wir haben in diesem Thema noch mehr Vielfalt hineinbekommen, dabei haben sich Bedürfnisse und die eigenen Wertesysteme der Menschen verändert.

Diese Erfahrung, welche nicht nur schlecht war, sondern ganz im Gegenteil, wollen Menschen mit in die Zukunft nehmen. Es geht mehr denn je darum, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitarbeitenden wahrzunehmen und zu einem neuen WIR zu orchestrieren. Dies gelingt am besten, wenn wir in kleineren Unternehmenseinheiten, wie den Teams zum Beispiel beginnen.

Ein herzliches Hallo, willkommen zurück!
Einen wundervollen Ansatz berichtete mir den Tag Gaby, eine echte Kulturgestalterin aus einem mittelständischen Unternehmen, die aufgrund unseres gemeinsamen Coachings im Juli eine Strategie entwickelt hat, um die Kollegen und Kolleginnen im Unternehmen aus dem Homeoffice zu empfangen. Gemeinsam mit ihren Kollegen Nils hat sie ein Willkommens-Workshop realisiert. Begeistert berichtete sie, wie aufgeregt sie war im Hinblick auf die ausgesprochene Einladung mit diesem Corona-Thema, wie die Mitarbeitenden sich äußern und positionieren würden. Ihre größte Sorge war es, ob sie die unterschiedlichen Positionierungen und Erwartungen wirklich zu einem guten WIR moderieren könnte. Aber es ist gelungen und sie war sehr froh und zufrieden. Auch schilderte sie, dass die Mitarbeitenden die Veranstaltung als sehr wertvoll empfunden haben.

Was hatten sie gemacht? Gaby und Nils hatte die neun Mitarbeitenden zu einem gemeinsamen Corona-Rückkehr-Workshop, welcher über 4 h gedauert hat. Vorher holten sie für jeden Mitarbeitenden eine sehr individuell abgestimmte Tafel leckere Schokolade und schrieben für jeden und jede eine individuelle Begrüßungskarte mit einem Dankeschön über die bisherige harte und besondere Zeit. Sie begrüßten sie zu einem kleinen Neustart und richteten einen auffordernden Appell an die Mitarbeiter/ Mitarbeiterinnen jetzt gemeinsamen einen Rahmen zu finden, der ihnen allen, ermöglicht zufrieden und mit Spirit in der Zukunft zusammenzuarbeiten.

In dem Workshop bearbeiteten sie drei Themenblöcke:

1. Austausch und Raum für die bisherigen Erfahrungen: Hier ging es darum zu erfahren, was jeder in der Corona-Zeit erlebt und erlebt hat, auch in Bezug auf die Zusammenarbeit und der anstehenden Bewältigung von beruflichen und privaten Anforderungen.

2. Welche Wünsche und Erwartungen trägt jetzt jeder in sich? Was ist einem wichtig geworden? Was möchte man sich zukünftig erhalten? Was sind persönliche Vorstellungen in Bezug auf die eigene Arbeit?

3. Wie können wir die vorliegenden Erfahrungen, aber auch Wünsche im Kontext einer neuen WIR-Zusammenarbeit nutzen und einfließen lassen?

Gaby berichtete in dem Zusammenhang auch darüber, dass die Kompromissbereitschaft an der ein oder anderen Stelle auch für jeden selbstverständlich seien sollte. Und dies ist auch jedem im Workshop klar geworden.

Gestalte DU aktiv die Kultur!
Gaby und Nils haben mit ihrem Team einen guten und für allen im ersten Schritt zufriedenen Rahmen in dem kleinen Workshop gefunden. Jeder und jede war froh, dass er gehört wurde und dass man an einer gemeinsamen Möglichkeit der Zusammenarbeit arbeitet.

Es wurde aber auch deutlich, dass dieser Aufschlag erst einmal ein Ausprobieren sein wird, da keiner mit diesem neuen Rahmen Erfahrung hat. Über eine regelmäßige Retrospektive wollen sie nun das erst einmal verabschiedete Modell anpassen und weiterentwickeln.

#newwork

Wenn du damit jetzt auch loslegen möchtest, dann möchte ich dich unterstützen. Lade dir gern unsere kostenlose Workshop-Vorlage „Corona-Rückkehr“ herunter. Hier erhältst du eine kleine Anleitung, wie du solch einen Workshop aufbauen kannst. Wir zeigen dir konkrete Fragestellungen auf, welche du nutzen oder erweitern kannst! HIER kommst du zum Download!

 

 

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