Home / Führungskultur · Bewusste Leadership / Selbstregulation in der Führung: der Unterschied, den abends keiner sieht
Frau im Business-Outfit sitzt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen nachdenklich da. Symbolbild für Selbstregulation in der Führung, innere Anspannung und emotionale Selbstkontrolle.

Selbstregulation in der Führung klingt nach einem weichen Thema, ist aber knallharte Kapazitätsfrage. Es gibt einen Moment, den fast jede Führungsfrau kennt und kaum eine benennt: nicht den Zusammenbruch, sondern den Moment davor. Den, in dem innerlich etwas hochkommt und man sich entscheidet, den Deckel draufzuhalten und weiterzumachen. Manche können das so gut, dass es niemand mehr sieht. Und genau das ist das Problem.

Der Moment im Auto

Marlen leitet einen Bereich mit knapp sechzig Leuten. An einem Morgen saß sie im Auto auf dem Parkplatz, fünf Minuten vor einer Präsentation vor dem Vorstand, es ging um das Budget für ihr Team fürs nächste Jahr, um das sie monatelang gerungen hatte.

Sie war vorbereitet. Die Folien saßen, die Zahlen saßen. Und trotzdem wurde sie nicht ruhig. So eine innere Unruhe, die sich nicht wegatmen ließ. Etwas von den letzten Monaten drückte, ausgerechnet jetzt. Sie hätte nicht einmal genau sagen können, was.

Was sie dann tat, konnte sie im Schlaf: durchatmen, Schultern zurück, das Ganze wegschieben, den Kopf klar kriegen. Und rein. Sie präsentierte souverän, niemand merkte etwas. Abends fiel der Satz, der hängenblieb: „Ich hab funktioniert. Und danach war ich so leer, als hätt ich den ganzen Tag gegen jemanden gekämpft.“ Hatte sie auch — gegen sich selbst.

Selbstkontrolle: warum sie doppelt kostet

Was Marlen im Auto gemacht hat, hat einen Namen: Selbstkontrolle. Deckel drauf, weitermachen, Fassade hält. Das Wort trifft es schon, man beherrscht sich. Man ist im selben Moment die, die zusammenhält, und die, die zusammengehalten wird. Das zieht doppelt Kraft. Deshalb ist man hinterher nicht einfach müde, sondern leer.

Das ist keine Wellness-Beobachtung, sondern eine Kapazitätsfrage. Wer über Jahre im Beherrschen-Modus führt, zahlt jeden Tag einen Aufschlag, der in keiner Leistungsbeurteilung auftaucht und der irgendwann sichtbar wird, meist zum ungünstigsten Zeitpunkt.

Selbstregulation in der Führung: eine Stufe früher ansetzen

Der andere Weg fängt genau eine Stufe früher an: nicht wegdrücken, sondern kurz hinschauen. Marlen hätte sich im Auto eine einzige Frage stellen können: Was ist das gerade eigentlich? Und wäre vielleicht daraufgekommen: Ich bin es leid, für mein eigenes Team monatelang zu kämpfen. Ich bin sauer. Und ich bin müde vom ständigen Rechtfertigen.

Das ist mit Selbstregulation gemeint. Nicht in Gefühlen versinken, sondern einmal benennen, was los ist für sich, in einem Satz. Denn etwas, das einen Namen hat, drückt nicht mehr diffus im Körper, sondern wird greifbar. Und dann lässt sich entscheiden: Okay, das ist da, das ist berechtigt — und jetzt gehe ich trotzdem rein. Aber eben, weil man es entschieden hat, nicht weil man sich selbst überwältigt hat. Von außen sieht beides fast gleich aus. Der Unterschied liegt innen — und darin, wie viel abends noch übrig ist.

Die 3 Reife-Ebenen

🟠 Stufe 1 — Die Beherrschte. Man reißt sich zusammen und ist gut darin. Deckel drauf, weitermachen, keiner merkt etwas. Die Folge: Nach guten Tagen ist man leer statt zufrieden, und die Erschöpfung passt nicht zur Leistung. Irgendwann weiß man selbst kaum noch, was man eigentlich fühlt.

🟢 Stufe 2 — Die, die es merkt. Man spürt inzwischen, wann man sich beherrscht, und könnte es benennen, macht es aber trotzdem noch, weil ein anderer Weg fehlt oder zu riskant scheint. Das erzeugt einen inneren Widerspruch, der selbst Kraft frisst: eine zähe Müdigkeit von jemandem, der es weiß, aber noch nicht anders löst.

🟡 Stufe 3 — Die, die reguliert. Man spürt, was da ist, lässt es einen Moment gelten, benennt es und entscheidet dann, wie man damit umgeht, oft in keinen zwei Minuten. Man geht aus solchen Momenten nicht leer heraus, sondern klar. Und das Bemerkenswerte: Menschen vertrauen mehr, wenn man echt ist statt glatt. Das kostet keine Autorität, es verleiht eine, die sich nicht anstrengen muss.

Ein Impuls für den Feierabend

Kein Programm, keine App. Nur eine Frage, abends, bevor das Licht ausgeht: Wann war ich heute wirklich da und wann habe ich nur funktioniert? Nicht als Bewertung, nur als ehrlicher Blick zurück. Einmal hinschauen, wo der Unterschied heute lag. Genau da beginnt Selbstregulation in der Führung nicht im großen Vorsatz, sondern im kurzen Moment der Ehrlichkeit mit sich selbst.

 

Eva Zweidorf mit ihrem Buch „Ungezähmt führen. Female Leadership in bewegten Zeiten“. Banner zur Buchveröffentlichung mit dem Hinweis „Mein Buch ist ab jetzt erhältlich“.

Über Eva Zweidorf

Eva Zweidorf begleitet Führungsfrauen in der Tiefe in Einzelbegleitung, in Formaten und in ihrem Buch »Ungezähmt führen — Female Leadership in bewegten Zeiten« (Business Village Verlag).

Anfragen: ezw@kulturreform.com

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