Home / Führungskultur · Bewusste Leadership / Ungezähmt führen heißt nicht wild, es heißt, aufzuhören, dich zu zähmen
Eva Zweidorf steht in legerer Kleidung im Freien und liest ihr Buch „Ungezähmt führen“. Im Hintergrund sind das Meer und der Himmel zu sehen. Die Szene vermittelt Ruhe, Weite und den Blick auf persönliche Entwicklung und Führung.

„Ungezähmt führen“ klingt nach lauter werden, auf den Tisch hauen, Rebellion mit Ansage. Genau dieses Bild hält viele Führungsfrauen davon ab, es überhaupt in Betracht zu ziehen. Dabei meint es fast das Gegenteil.

Diese Geschichte zeigt, warum das größte Missverständnis ausgerechnet in einem einzigen Wort steckt: „weich‘.

„Du bist weicher geworden“

Eine Führungskraft, die ich begleite, bekam diesen Satz von einem Kollegen. Er sagte es wie einen Befund. Wie etwas, das man bedauert.

Was war passiert? Sie hatte in einem Meeting zum ersten Mal seit Jahren gesagt, was sie wirklich dachte. Ein Beschluss lag auf dem Tisch, der seit Wochen feststand, alle nickten ihn routiniert durch. Sie hatte das früher auch getan. Jahrelang mitgetragen, was sie innerlich nicht trug. Es war einfacher.

An diesem Tag tat sie es nicht. Sie sagte: „Ich brauche zwei Tage, bevor ich da zustimme.“ Keine große Geste. Ein Satz, ruhig gesagt. Im Raum wurde es kurz still, nicht feindselig, nur ungewohnt.

Hinterher, im Flur, kam der Kollege. „Du bist weicher geworden.“ Halb besorgt, halb belehrend. Als hätte sie etwas verloren.

Nicht lauter. Nicht härter. Klarer. Und dafür bekam sie das Etikett: weich.

 

Das größte Missverständnis über ungezähmte Führung

Die meisten hören „ungezähmt“ und denken an Auflehnung. Auf den Tisch hauen, Konfrontation, Rebellion mit Ansage. Das ist es nicht. Das ist nur die andere Seite derselben Medaille, Reaktion statt Haltung.

Ungezähmt heißt nicht wild.

Ungezähmt heißt: aufhören, die eigene Kraft zu zähmen, damit andere sich wohlfühlen. Aus dem führen, was man ist, nicht aus dem, was die Rolle gerade verlangt.

Das sieht von außen oft unspektakulär aus. Ein Satz weniger im Meeting. Eine Zustimmung, die nicht kommt. Eine Pause, wo sonst sofort die Lösung kam. Und genau das wird manchmal mit „weich“ verwechselt, dabei ist es das Klarste, was eine Führungskraft tun kann. 

 

Die drei Reifestufen: Wo stehst du gerade?

Wer dieses Muster bei sich erkennt, steht meist auf einer von drei Stufen. Sie zu kennen hilft, den eigenen nächsten Schritt zu sehen.

🟠 Stufe 1 — Die Unsichtbar-Machende

Du dämpfst deine Klarheit, bevor sie jemanden stören könnte. Den Satz, der wirklich stimmt, nimmst du zurück und sagst die geglättete Version. „Weich“ hörst du als Urteil und glaubst es. Die Folge: Du funktionierst tadellos und bist innerlich nicht mehr ganz da. Die Energie, die ins Dämpfen geht, fehlt dir abends und du weißt nicht, wofür.

🟢 Stufe 2 — Die Wissende

Du merkst es jetzt, im Moment selbst. Aber die Hand zuckt noch zur alten Reaktion. Du sagst den klaren Satz und entschuldigst dich innerlich sofort dafür. Der Widerspruch zwischen Wissen und Tun zehrt. Es ist eine Müdigkeit, die kein Wochenende auflöst, weil sie nicht von zu viel Arbeit kommt, sondern von der Lücke dazwischen.

🟡 Stufe 3 — Die Einladende

Du sagst, was du siehst mit Wärme, ohne Härte. Du brauchst das Einverständnis im Raum nicht mehr, um bei dir zu bleiben. Wenn jemand „weich“ sagt, hörst du nicht mehr „zu wenig“. Was dir das ermöglicht: Andere werden in deiner Gegenwart ehrlicher. Nicht weil du es forderst, sondern weil du es vormachst. Du veränderst den Raum, bevor du den ersten Satz sagst.

Wenn „weich“ zu „verlässlich“ wird

Der Kollege aus der Geschichte sagt über sie heute übrigens etwas anderes: „Bei dir kriege ich eine ehrliche Antwort. Auch wenn sie mir nicht passt.“

Aus „weich“ wurde verlässlich. Es hat nur eine Weile gedauert, bis es jemand so benennen konnte.

Die Frage, die bleibt: Wann hat dich zuletzt jemand für etwas kritisiert und du wusstest in dem Moment, dass es eigentlich dein klarster war?

 

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Wenn dich diese Geschichte berührt hat: In meinem Buch Buch „Ungezähmt führen. Female Leadership in bewegten Zeiten“ geht es genau um diese Momente, in denen Klarheit von außen wie Schwäche aussieht.

Es erscheint im BusinessVillage Verlag.

Liebe Grüße,

Deine Eva

Buch - "Ungezähmt führen: Female Leadership in bewegten Zeiten" von Eva Zweidorf

Über Eva Zweidorf

Eva Zweidorf begleitet Führungsfrauen in der Tiefe in Einzelbegleitung, in Formaten und in ihrem Buch »Ungezähmt führen — Female Leadership in bewegten Zeiten« (Business Village Verlag).

Anfragen: ezw@kulturreform.com

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