SELBSTREFLEXION MUSSTE ICH HART ERFAHREN

„Ich bin draußen, Eva. Ich bekomme nichts mehr mit. Die Mitarbeiter stimmen sich untereinander ab und ich bin nicht mehr beteiligt.“ Berichtete mir aufgeregt Marc K., Abteilungsleiter in einem mittelständischen Medizintechnikunternehmen am Telefon. Ich fragte zurück: „Läuft aktuell etwas nicht, Marc?“ „Naja, dies kann man nicht sagen. Unter den aktuellen Umständen läuft es eigentlich alles ganz gut“ druckste er herum. „Die Mitarbeiter reagieren besonnen, bleiben an den wichtigen
Themen dran und das, was eingeleitet werden kann, wird eingeleitet.“ “Wo ist dann Dein Problem, Marc?“

MARC IST DRAUßEN

Schneller als gedacht werden nun nicht mehr relevante Rollen in der Führung sichtbar. Und bedeutende Fragen meines eigenen Leaderships tauchen auf: was brauche ich als Führungskraft in einer virtuellen Welt und inwieweit geht es überhaupt darum?

Brauchen meine Mitarbeiter jetzt wen an den sie reporten? Warum sollten sie überhaupt reporten, wem hilft dies? Mir, weil ich dadurch den Überblick behalte und steuern kann. Mir, weil ich der Einzige bin, der beurteilen kann, ob dadurch die Dinge richtig laufen. Mir, weil ich meist immer noch einen wichtigen ergänzenden Gedanken zur Vorgehensweise und zum Thema habe. Ich
habe ja als Einziger den Gesamtüberblick in unserer Abteilung.

Oder vielleicht eher: mir, weil ich sonst meine Daseinsberechtigung als Führungskraft verliere? Mir, weil ich mich sonst immer mehr als Außenseiter fühle? Mir, weil ich sonst keine Wirksamkeit von mir spüre? Auf einmal bricht meine bisherige Funktion des Kontrollierens, des strukturierten Steuerns und der Richtungsvorgabe weg. Was bleibt dann noch?

DAS WEGBRECHEN DER RESONANZEN

Gerade diese Seite der Führung wird in diesen Tagen von Homeoffice und der konsequenten Anforderung der Selbstführung an die Mitarbeiter geschwächt. Mitarbeiter und Teams müssen sich von heute auf morgen selbst organisieren.

Jetzt ist eher die Frage zu stellen: Was für eine Unterstützung brauchen die Mitarbeiter von mir als Führungskraft, um sich optimal, effektiv und unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Lebenssituationen in den Familien arbeitsfähig aufzustellen? Welchen Beitrag kann ich leisten, dass wir physisch unverbunden, trotzdem verbunden bleiben? Wie kann ich das gegenseitige Vertrauen und die Wertschätzung trotz Abstand fördern? Wie kann ich eine virtuelle WIR-Kultur
schaffen?

Aktuell verändert sich von vielen von uns alles. Das Zusammenleben in Familien, wenn man Tag täglich 24h zusammen ist, die Auseinandersetzung mit digitalen Tools, wo ich doch kein digital Native bin, das Wegbrechen von Resonanzen, um mich in meiner Selbstwirksamkeit zu erleben und der strukturierte Tagesablauf, der meine Selbstdisziplin gemanagt hat.

MEIN EIGENES FESTHALTEN AN ALTEN MUSTERN

Das, was ich heute bei vielen erlebe, erinnert mich an die Zeit meines damaligen Einstiegs in die Selbstständigkeit. Wo von heute auf morgen, natürlich damals aufgrund meiner eigenen Entscheidung, alles weg war, alles fast auf Null gesetzt war. Es gab von heute auf morgen keine etablierte Funktion mehr für mich, es gab keine Kollegen mehr für mich, mit denen ich in Resonanz
gehen konnte, es gab keinen strukturierten Tagesablauf mehr für mich, es gab noch nicht mal Kunden, Aufträge und Geld. Auch dies erleben heute einige von uns.

Und jetzt wird es spannend, denn auf diese Situationen reagieren wir alle erst einmal unterschiedlich. Wir reagieren mit unserer Persönlichkeit und konditionierten Identität. Ich habe damals erst einmal alles an Informationen aufgesogen, die ich bekommen konnte, habe jeden Tag Pläne gemacht und irgendetwas ausprobiert, habe mich und mein Umfeld angetrieben. Mein Motto
war: „Du wolltest die Chance, jetzt nutze sie auch: dranbleiben, Ausdauer zeigen, Struktur und Disziplin aufbringen, das schaffst Du.“

MEINE ERKENNTNIS KAM SPÄTER

Erst viel später habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass ich hätte vielleicht erst einmal Inne halten müssen, mich erst einmal selbst anschauen müssen, ich hätte mich schon damals fragen sollen: Wer bin ich heute? Was ist meine Identität? Welche beitragsgebenden Rollen will ich wo einbringen?

Wahrscheinlich habe ich die Frage damals ausgeblendet, weil sie mich selbst so erschreckt hätte. Vielleicht wollte ich unterbewusst nicht dort hinschauen, weil diese Frage mich zu meinen Ängsten und zu meiner gefühlten Einsamkeit geführt hätten. Weil die Antworten mir vielleicht auf einmal gezeigt hätten, dass ich jetzt nicht mehr verbunden bin, dass ich auch morgen keine Selbstwirksamkeit mehr spüren werde und dass vielleicht mein Gestaltungsrahmen, schon allein
aufgrund der damaligen finanziellen Mittel, erheblich eingeschränkt sind.

Ich habe mich damals aber entschieden, einfach wie bisher erst einmal weiterzumachen, Rahmenbedingungen im Außen herzustellen, wie Webseite, Büro, Flyer, Ausstattung und einfach weiter zu rennen, wie bisher. Wenn sich dann aber trotz des vermeintlichen Schaffens, der eisernen Disziplin und eines enormen Zeitaufwandes kein Erfolg einstellt, dann kommt man doch
irgendwann zu der ausschlaggebenden Frage: wer bin ich überhaupt? Und dies war eigentlich die entscheidende Frage. Wer bin heute, wer will ich zukünftig sein, wofür will ich ein Betrag leisten und was sind meine möglichen Rollen, die auch Resonanz finden und die ich authentisch einbringen kann. Ich habe etwas länger gebraucht, dies brauchen sie heute nicht.

FÜR MARC VERÄNDERT SICH ALLES

Das, was wir heute erleben ist vergleichbar. Für Marc K. verändert sich als Führungskraft in seiner Persönlichkeit gerade alles und jetzt kommt die entscheidende Frage: hält er an den bisherigen Überzeugungen und Vorgehensweisen fest oder stellt er sich und seine Identität in Frage. Für Marc K. gibt es jetzt eine riesige Chance, wenn er ehrlich bei sich selbst hinschaut. Es ergibt sich die Möglichkeit, sich selbst noch einmal mehr und intensiver kennenzulernen und es ergibt sich die Chance nun auf den Weg zu gehen, um eine neue beitragsgebende Führungs-Identität zu entwickeln, die zur neuen Zeit, zu einer modernen Arbeitswelt und einer bedeutsamen WIR-Kultur anschlussfähiger ist.

Nicht die ganze Herstellung im Außen mit neuen Tools und Methoden lässt uns als Führungskraft besser werden, sondern viel mehr unsere innere Haltung und die sich daraus ergebenen Reaktionsmuster.

DIE NEUE FÜHRUNG KOMMT NUN SCHNELLER ALS GEDACHT

Eine bedeutsame Frage für Marc K. ist heute: was sind jetzt meine neuen Rollen als Führungskraft, wenn ich nicht mehr kontrollieren kann, wenn Mitarbeiter sich auf einmal mit Leichtigkeit, Besonnenheit und guter Struktur selbst organisieren können, wenn sie Lust haben von sich aus Neues auszuprobieren und wenn sie selbst für sich entscheiden, wie sie arbeiten
wollen.

Die Rollen vieler Führungskräfte ändert sich nun schneller als gedacht. Sehen wir es als riesige Chance in einem bedeutsamen unternehmerischen Einflussbereich uns beitragsgebend und potentialfördernd weiterzuentwickeln.

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