Wer bist du, Eva? Früher hätte ich wahrscheinlich meinen vollständigen Namen genannt und vielleicht meine Tätigkeit oder Funktion.

Ich hätte also einen Namen genannt, den mir meine Eltern gegeben haben, und ich hätte eine Tätigkeit genannt, die man mir auch von außen übertragen hat. Heute stocke ich vielfach bei der Frage, da es mich auf meine Gefühle zurückwirft. Ich habe nämlich bemerkt, dass ich ein Mensch bin, der von seinen Gefühlen beeinflusst wird.

Selbstverständlich fühle ich mich nicht jeden Tag gleich, sodass ich wahrscheinlich an einem Tag sagen könnte: „Ich bin kraftvoll, freudig und neugierig!“  An einem anderen Tag würde ich dann eher sagen: „Ich bin skeptisch, innerlich schwer und vorsichtig!“ Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Deshalb kann ich sagen, was ich überwiegend bin: „Ich bin mutig, zuversichtlich und energiegeladen!“

UNSERE EIGENE BETRACHTUNG
Wieso ich die Frage heute anders beantworten würde? Weil ich mich heute anders wahrnehme. Nicht nur als eine Person, die von außen anerkannt ist oder nicht, sondern viel stärker als eine Person mit eigener innerer Verantwortung, für das was ich denke und fühle. Ich bin irgendwie mehr als eine Funktion oder ein Name, zumindest nehme ich mich so wahr.
Allerdings könnte man sich in dem Zusammenhang fragen: „Eva, reduziert dich das nicht?“ Nein ganz im Gegenteil, es gibt mir innere Freiheit.

Diese Art der eigenen Betrachtung ist der ICH-Entwicklung zuzuordnen. Seit einigen Jahren gehört dieses Thema als ständiger Begleiter zu mir und ich kann sagen, dass ich mich immer noch auf dem Weg befinde. Womöglich gibt es auch gar kein Ende. Vielmehr lerne ich trotz der langen Zeit immer wieder neue, überraschende und manchmal auch irritierende Seiten an mir kennen. Das Leben und vor allem mein Innenleben, sind dadurch nicht einfacher geworden. Ganz im Gegenteil. Was ich aber zunehmend spüre, ist eine innere Weite und Leichtigkeit.

WIR BRAUCHEN REIFE FÜR DEN UMGANG MIT KOMPLEXITÄT
Thomas Binder, der wahrscheinlich bekannteste Wissenschaftler in Deutschland der Ich -Entwicklung, hebt hervor, dass mit dem Grad der Ich-Entwicklung vor allem der Grad der persönlichen Freiheit wächst. Freiheit im Umgang mit dir selbst und mit anderen. Später auch die Freiheit von dir selbst.
In diesem sehr persönlichen Reifeprozess wachsen unser Bewusstsein und Widersprüche sowie Unsicherheiten, welche wir in uns wahrnehmen. Wir können sie zunehmend von uns halten.

Die Bedeutsamkeit der ICH-Entwicklung wird auch durch Studien hervorgehoben. Je bewusster und reifer ein Mensch wird, und dies hat nichts mit dem Alter zu tun, um so ausgeprägter werden seine Fähigkeiten, Komplexitäten zu bewältigen und zu differenzieren. Dadurch entwickeln sich das Kommunikationsverhalten und die Beziehungskultur in einem sehr positiven Sinne. Dies sind heute die Erfolgsfaktoren in komplexen Umfeldern.

REIFE VS. MANAGEMENTTOOLS
Ganz ehrlich, bei allen Tools, Methoden oder neuen Managementansätzen, die wir nutzen, um die Komplexität in den Griff zu bekommen, scheint der Entwicklungsprozess der eigenen Reife doch irgendwie am vielversprechendsten zu sein.

Er ist aus meiner Perspektive dahingehend sehr zielführend, da Menschen aus ihrem Potenzial und durch eine Reife heraus auf komplexe Umfelder in allen Lebens- und Alltagslagen reagieren können. Sie sind nicht darauf angewiesen, dass bestimmte neue Managementtools vorliegen und im Unternehmen Eingang gefunden haben.
Des Weiteren verlieren wir den Wettbewerbs- und Anerkennungskampf, wer am schnellsten und am intelligentesten die neuesten Methoden in unseren unternehmerischen Arbeitskulturen integriert. Darum geht es in einem Reifeprozess nicht mehr. Es geht um innere Weite und Freiheit und wie wir dahinkommen. Mit dieser inneren Klarheit steigt auch die gemeinschaftliche Bereitschaft, miteinander zu gestalten und sich gegenseitig einzuladen.

WAS IST DAS ICH? WAS IST MEINE REISE?
Wenn ich das Wort ICH-Entwicklung in den Mund nehme, werde ich oft gefragt, was ist denn überhaupt das ICH.

Unser ICH kann man als inneres Betriebssystem bezeichnen, worauf wir als Menschen zurückgreifen. Es geht darum, wie ich etwas wahrnehme, wie ich etwas interpretiere, wie ich auf Reize reagiere, die von mir ausgelöst werden oder von außen auf mich einstürmen. Des Weiteren integriert es mein Selbstverständnis über mich und die Welt. Wir müssen für klären, was wir annehmen können, was wir ablehnen, wie wir eine Grenze zwischen uns und dem, was im Äußeren passiert. Dies ist dann sozusagen der Tatbestand meines Ichs.

Meine ICH-Entwicklung folgt auf Grundlage von wissenschaftlichen Studien einer bestimmten Logik. Hier geht es um meine eigene Reise. Angefangen von einem Menschen, der sehr impulsiv handelt und der danach versucht, seine Impulse in den Griff zu bekommen. Der danach wiederum in die Selbstorientierung geht, um Teil von etwas zu werden. Der Entwicklungsprozess setzt sich dann durch unseren eigenen Autonomieprozess fort. Dieser führt uns zur Selbstbestimmung, wo es darum geht, für uns einzustehen, um daraus eine bessere Differenzierung zur Außenwelt vornehmen zu können. Daraus finden wir dann zu unserer eigenen Position, um uns letztendlich wieder ein Stück loszulassen und mit Abstand und Weite zu begegnen.

ENDLICH INNERE FREIHEIT
Die letzte genannte Reisestufe kann man in der ICH- Entwicklung als Minderheitsprogramm beschreiben. Zu wenige Menschen gehen bewusst auf ihre eigene Reise und verkennen die Möglichkeit, die Komplexität der Arbeitswelt damit besser zu bewältigen. Und das, obwohl wir eine erhebliche Lebenszeit mit unserer Tätigkeit verbringen. Die zunehmende Reife bringt einen höheren Grad an innerer Freiheit hervor, die wir emotional immer stärker auf unserer Reise spüren werden. Und jede Stufe der eigenen ICH-Entwicklung ermöglicht uns eine höhere Komplexitätsbewältigung.

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass dies eins der wichtigsten Schritte ist, um mit Komplexität souveräner, leichter und erfüllter umgehen zu können.

#ichkultur

 

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