Home / Führungskultur · Bewusste Leadership / Prioritäten in der Führung: Wer verfügt eigentlich über deine Zeit?
Erfahrene Führungsfrauen im Gespräch am Konferenztisch über Entscheidungen und Prioritäten in der Führung.

Prioritäten in der Führung scheitern selten an fehlender Klarheit. Sie scheitern daran, dass die eigene Planung im entscheidenden Moment nicht in derselben Form im Raum liegt wie das, was andere wollen. Es gibt Entscheidungen, die du triffst, ohne dass es einen Moment gab, in dem du sie hättest treffen können.

Der Vorgang, den man nicht bemerkt

Donnerstag, kurz vor fünf. Eine Mail, drei Zeilen: »Für Montag brauchen wir noch eine Aufstellung zu den Standortkosten. Danke dir.«

Keine Frage. Ein Danke am Ende, das die Sache schon abschließt.

Du machst den Kalender auf. Freitagvormittag steht ein Block, den du dir vor drei Wochen reingelegt hast – die Struktur für das nächste Jahr, das Konzept, die eine Sache, die niemand von dir verlangt und die trotzdem entscheidet, wie dein Bereich in zwölf Monaten dasteht. Du ziehst ihn auf Mittwoch.

Es dauert vier Sekunden. Du denkst nicht darüber nach. Du ärgerst dich auch nicht.

Und das ist der Teil, den man leicht übersieht: Es fühlt sich nicht nach Verzicht an. Es fühlt sich nach normalem Arbeiten an.

 

Warum es keine Frage von Grenzen ist

Was da passiert ist, wird schnell als Grenzthema einsortiert. Das führt in die Irre.

Eine Anfrage von oben ist in einem gewachsenen Haus keine Anfrage. Die Frageform ist Höflichkeit, keine Option, und alle am Tisch wissen das. Sie kommt als Tatsache an. Deine eigene Planung kommt als Absicht an.

Und eine Absicht verliert gegen eine Tatsache. Jedes Mal. Nicht, weil du nachgibst, sondern weil die beiden gar nicht in derselben Währung im Raum liegen.

Für seine Anfrage ist jemand da. Für deinen Block ist niemand da außer dir.

Es lohnt sich, irgendwann einmal nachzusehen, wie oft dieser Block schon gewandert ist. Meistens ist die Zahl höher, als man denkt – und meistens bemerkt man sie erst, wenn man sie zählt.

 

Selbstregulation in der Führung: eine Stufe früher ansetzen

Der andere Weg fängt genau eine Stufe früher an: nicht wegdrücken, sondern kurz hinschauen. Marlen hätte sich im Auto eine einzige Frage stellen können: Was ist das gerade eigentlich? Und wäre vielleicht daraufgekommen: Ich bin es leid, für mein eigenes Team monatelang zu kämpfen. Ich bin sauer. Und ich bin müde vom ständigen Rechtfertigen.

Das ist mit Selbstregulation gemeint. Nicht in Gefühlen versinken, sondern einmal benennen, was los ist für sich, in einem Satz. Denn etwas, das einen Namen hat, drückt nicht mehr diffus im Körper, sondern wird greifbar. Und dann lässt sich entscheiden: Okay, das ist da, das ist berechtigt — und jetzt gehe ich trotzdem rein. Aber eben, weil man es entschieden hat, nicht weil man sich selbst überwältigt hat. Von außen sieht beides fast gleich aus. Der Unterschied liegt innen — und darin, wie viel abends noch übrig ist.

 

Die drei Ebenen

🟠 Stufe 1 — Es steht nicht zur Debatte.

Du verschiebst und merkst es nicht. Es gibt keinen inneren Einwand, weil es keine Frage gab. Nach außen bist du verlässlich und schnell, und das stimmt ja auch.

Was das mit dir macht: Deine eigenen Vorhaben rutschen in die Restkategorie – sie passieren, wenn gerade niemand anders die Zeit will. Das ist selten. Über Monate verschwindet damit genau der Teil deiner Arbeit, für den dich niemand erinnert und den niemand einfordert.

🟢 Stufe 2 — Du merkst es beim Ziehen. 

Der kurze Widerstand ist da, eine Sekunde lang, während die Maus schon zieht. Du verschiebst trotzdem – nicht aus Schwäche, sondern weil dir das Argument fehlt. »Ich hatte mir das vorgenommen« ist in dieser Runde kein Satz, den man sagt.

Was das mit dir macht: Eine Müdigkeit, die nicht zur Arbeitsmenge passt. Und etwas Leiseres: Du fängst an, dir manches gar nicht mehr vorzunehmen, weil das Verschieben mehr kostet als das Weglassen.

🟡 Stufe 3 — Beides liegt in derselben Währung. 

Nicht, dass die Aufstellung jetzt liegen bliebe – manchmal ist sie wirklich das Wichtigere. Aber es gibt wieder einen Moment dazwischen. Du siehst beide Dinge nebeneinander, statt nur eines davon zu sehen und das andere zu bewegen.

Was dir das ermöglicht: Du kannst zusagen, ohne dass es dich etwas kostet – weil du weißt, was du dafür verschiebst. Und die Male, in denen du es nicht tust, brauchen keine Rechtfertigung mehr. Sie sind einfach eine Entscheidung.

 

Was daraus folgt

Es geht nicht darum, zu wenig Grenzen zu haben.

Was hier verschoben wird, wird nie laut. Die eigene Planung hat keine Stimme im Raum – keine Mail, keinen Absender, keine Frist. Sie hat nur dich.

Vielleicht liegt es deshalb gar nicht daran, dass du dich zu wenig behauptest. Sondern daran, dass das, was dir wichtig ist, bisher nie in derselben Form angekommen ist wie das, was andere von dir wollen.

Nicht alles, was dich unterbricht, ist eine Störung. Aber es lohnt sich zu wissen, wer da gerade über deine Woche verfügt hat.

 

Zum Weiterlesen

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Über Eva Zweidorf

Eva Zweidorf begleitet Führungsfrauen in der Tiefe in Einzelbegleitung, in Formaten und in ihrem Buch »Ungezähmt führen — Female Leadership in bewegten Zeiten« (Business Village Verlag).

Anfragen: ezw@kulturreform.com

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