Home / Führungskultur · Bewusste Leadership / Wofür bist du eigentlich da, wenn die KI liefert?
Führungskraft arbeitet im Büro auf Augenhöhe mit einem KI-Roboter zusammen
Du gibst der KI die Zahlen aus dem Quartal, und nach dreißig Sekunden liegt die Analyse da. Sauber gegliedert, mit Empfehlung. Früher hat dich so etwas einen Sonntag gekostet. Erst bist du erleichtert. Dann kommt ein Gedanke, den du lieber nicht zu Ende denkst: Wenn das jetzt so schnell geht, wofür bin ich dann eigentlich da?

Die Standardantwort ist die nächste Liste

Auf diese Frage gibt es inzwischen eine Standardantwort. Die Maschine übernimmt das Fachliche, dem Menschen bleibt das Menschliche: Empathie, Urteilskraft, Verantwortung.

Das klingt beruhigend. Ich glaube, es ist nur die nächste Liste. Und wer jahrelang gut darin war, Anforderungen zu erfüllen, arbeitet auch diese Liste ab: gründlich, zuverlässig, ein bisschen besser als die anderen.

Die eigentliche Frage ist eine andere. Nicht: Was kann die Maschine nicht? Sondern: Was in dir wurde all die Jahre nie gefragt, weil du so gut darin warst, das Geforderte zu liefern?

Eva Zweidorf mit ihrem Buch „Ungezähmt führen. Female Leadership in bewegten Zeiten“. Banner zur Buchveröffentlichung mit dem Hinweis „Mein Buch ist ab jetzt erhältlich“.

Katrin: »Ohne mich bricht alles zusammen«

In meinem Buch »Ungezähmt führen« erzähle ich die Geschichte von Katrin. Sie war Geschäftsführerin eines Gesundheitsdienstleisters, mit achtzig Mitarbeitenden an vier Standorten, acht Jahre lang von ihr aufgebaut. Morgens die Erste, abends die Letzte. Tauchte irgendwo ein Problem auf, löste sie es selbst. Nicht aus Misstrauen, sondern weil es schneller ging. So sagte sie es jedenfalls.

Über Strategie, Kultur und ihre Rolle konnte sie offen sprechen. Aber sobald es darum ging, eine Entscheidung nicht selbst zu treffen, kam jedes Mal derselbe Widerstand. Eine leise Überzeugung: Wenn ich loslasse, fällt alles auseinander.

Dann wurde sie schwer krank und musste sich für über ein Jahr ganz zurückziehen. Drei Frauen aus ihrem Team übernahmen, ohne Plan, einfach weil es nötig war. Sie verteilten Verantwortung, trafen Entscheidungen und bauten Strukturen auf, die es vorher nicht gab.

Als Katrin zurückkam, hing am Empfang ein Organigramm, das sie nicht kannte. Eine ihrer Teamleiterinnen sprach mit einem Kunden, den früher nur Katrin betreut hatte, und die beiden lachten. Katrin stand im Flur und weinte. Vor Dankbarkeit, und vor Scham, dass sie das alles so lange verhindert hatte.

Später sagte sie: »Loslassen hat nicht zu weniger Wirkung geführt. Sondern zu mehr. Nur eben nicht meiner.«

Sie stieg nicht wieder ins Feuerlöschen ein. Sie ordnete ihren Kalender neu: Zeit für ihre eigene Entwicklung und für die Frage, wohin ihr Unternehmen gehen soll.

Was Organisationen belohnen

Ich habe viele Jahre Kulturentwicklung in Unternehmen begleitet, und ich kenne die Regel dahinter. Organisationen befördern genau die Frau, die alles selbst löst, weil sie unersetzlich ist. Dass ihr Team daneben kleiner bleibt, als es sein könnte, steht in keiner Beurteilung.

Katrin hat erlebt, was viele Führungsfrauen heute in kleinerem Maßstab erleben: Das, was sie jahrelang ausgemacht hat, wird nicht mehr in derselben Weise gebraucht. Bei ihr hat das eine Krankheit erzwungen. Heute erledigt es zum Teil eine Software.

Dann gibt es zwei Wege. Noch schneller werden, noch mehr absichern, beweisen, dass es dich trotzdem braucht. Oder die Frage zulassen, die Katrin sich erst stellen konnte, als sie nicht mehr da sein konnte.

Eigenes Potenzial erkennen: Wo die Spuren liegen

Wenn es nicht die Liste ist, was ist es dann?

Es ist etwas, das tief in dir angelegt ist. Nicht anerzogen, nicht antrainiert, sondern deins. Es wurde nur nie gebraucht, weil immer etwas anderes verlangt war.

Spuren davon kennst du:

  • das, wofür Kolleginnen zu dir kommen, wenn es kompliziert wird, während du sagst: Das kann doch jeder
  • die Idee für deinen Bereich, die du seit einem Jahr im Kopf hast und nie vorgeschlagen hast, weil die nächste Vorgabe schneller da war
  • die Art, wie du führen wolltest, als du angefangen hast, bevor du gelernt hast, wie man in deinem Haus führt

Du musst dafür nichts spüren. Du musst dich nur daran erinnern.

Das sind erst die Spuren. Was darunter liegt, ist bei jeder Frau anders. Es lässt sich nicht nachlesen und nicht antrainieren, auch nicht mit der besten Software. Es lässt sich nur freilegen, Schicht für Schicht, bis du selbst siehst, was da ist.

Und dann passiert etwas, das keine Liste kann. Du baust deinen Bereich so, wie nur du ihn bauen würdest. Du triffst die Entscheidung, die keine Rechnung vorgeschlagen hätte. Du führst in eine Zukunft, die es ohne dich so nicht gäbe.

Optimieren heißt, besser zu werden in dem, was verlangt wird. Das kann bald die Maschine. Erkennen, was in dir angelegt ist, und daraus gestalten, das kannst nur du.

Drei Haltungen in derselben Lage

🟠 Stufe 1 · Schneller werden:

Du nutzt die gewonnene Zeit, um noch mehr zu liefern, und arbeitest dich in jedes neue Tool ein, damit niemand merkt, dass du unsicher bist. Du bleibst unersetzlich, aber nur im Abarbeiten.

🟢 Stufe 2 · Es merken und weitermachen:

Abends denkst du: Eigentlich müsste ich etwas anderes tun. Am nächsten Morgen öffnest du trotzdem zuerst das Postfach. Das ist unbequem, aber es ist ein Anfang.

🟡 Stufe 3 · Die Frage stellen, bevor sie jemand für dich beantwortet:

Du winkst nicht sofort ab, wenn jemand sagt, dass du etwas besonders gut kannst. Du schlägst die Idee vor, die du seit einem Jahr im Kopf hast. Du gestaltest etwas, das es ohne dich so nicht gäbe. Für mich ist das Führungsreife.

Ein kleines Experiment

Schreib eine Woche lang jeden Abend eine Sache auf, die du selbst gemacht hast, obwohl es jemand anders hätte machen können. Daneben nur ein Wort: warum. Schneller? Sicherer? Oder weil du dann gebraucht wirst?

Nichts ändern. Nur hinschauen.

Wer kennt denn überhaupt sein Potenzial?

Bei Katrin war es die ganze Zeit da. Freigelegt hat es erst die Krise. Das geht auch ohne Krise, solange noch alles läuft.

Genau dafür gibt es meine Abende und meine Begleitungen: Räume, in denen du freilegst, was in dir angelegt ist. Mit einem Menschen gegenüber, nicht mit einer App. Und wenn du Katrins ganze Geschichte lesen willst, findest du in meinem Buch Ungezähmt führen.

Wenn sich deine Verantwortung erdrückend anfühlt, heißt das nicht, dass du ihr nicht gewachsen bist. Vielleicht hat dich nur nie jemand gefragt, was du darin gestalten willst. Und du dich selbst auch nicht.

 

Buchcover "Ungezähmt führen: Female Leadership in bewegten Zeiten" von Eva Zweidorf

Über Eva Zweidorf

Eva Zweidorf begleitet Führungsfrauen in der Tiefe in Einzelbegleitung, in Formaten und in ihrem Buch »Ungezähmt führen — Female Leadership in bewegten Zeiten« (Business Village Verlag).

Anfragen: ezw@kulturreform.com

Reife-Booster für Gestalterinnen: Der Newsletter für Haltung, Tiefe und Female Leadership, die bleibt!

Trag dich hier ein und sei dabei, wenn Haltung, Mut und Spirit jede Woche den Unterschied machen.

WIR-Kultur etablieren

WIR-Kultur etablieren: Warum gemeinsame Werte das Fundament moderner Führung sind

WIR-Kultur etablieren bedeutet, Zusammenarbeit nicht über Strukturen, sondern über gemeinsame Werte und Haltung zu gestalten.…
Entdecke deine Teammitglieder

Auf dem Weg zu einer starken Teamkultur: Wie Führung heute wirklich wirkt

In Zeiten ständiger Veränderung zeigt sich wahre Führung daran, wie tief sie Verbindung schafft. Eine…

WARUM PERFEKTIONSIMUS RICHTIG ENERGIE VERBRENNT