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Eine Führungskraft liest konzentriert mehrere Unterlagen an einem Schreibtisch. Das Bild begleitet den Beitrag „Rollen als Führungskraft: Warum mehr Verantwortung nicht mehr Aufgaben heißt“ von Eva Zweidorf.

Wie viele Rollen als Führungskraft hast du gerade? Und welche davon hast du abgegeben, als die letzte dazukam?

Bei den meisten Frauen, mit denen ich arbeite, lautet die ehrliche Antwort: keine. Sie wachsen nicht in eine größere Verantwortung hinein. Sie legen sie oben drauf.

Sieben Zettel auf dem Boden

Eine Abteilungsleiterin bekommt einen größeren Bereich. Ihr eigenes Team bleibt, ein zweites kommt dazu. Es ist fachlich anders ausgerichtet, liegt aber nah an dem, was sie kann. Für die Organisation ist das eine neue Linie im Organigramm.

Wir haben ihre Rollen sichtbar gemacht, jede auf einem eigenen Zettel, und sie auf den Boden gelegt. Fünf hatte sie schon: Strategin, Organisiererin, Befähigerin, Zuhörerin, Moderatorin. Zwei kamen mit dem neuen Team dazu. Sie sollte fachliche Mentorin werden und wollte außerdem einen Teil der operativen Arbeit selbst übernehmen.

Dass sie das alles kann, stand nie in Frage. Meine Frage war eine andere. Fühlt sie sich mit diesen sieben Rollen freier? Findet sie mehr Sinn darin? Leistet sie damit einen größeren Beitrag?

Sie hat lange auf die Zettel geschaut. Dann sagte sie:

»Nee. Eigentlich ist es wahrscheinlich nur Anerkennung. Es geht immer nur um Anerkennung.«

Eva Zweidorf mit ihrem Buch „Ungezähmt führen. Female Leadership in bewegten Zeiten“. Banner zur Buchveröffentlichung mit dem Hinweis „Mein Buch ist ab jetzt erhältlich“.

Draufpacken statt neu aufstellen

Das Gefühl, das sie danach beschrieb, war keine Überlastung. Sie nannte es erdrückend. Alles lag auf ihr, und nichts davon war gestaltet.

Der größere Bereich war für sie der alte plus mehr Arbeit. Neu aufgestellt hatte sie nichts. Die Frage, die ein neuer Bereich eigentlich stellt, hatte sie übersprungen: Was soll ich in diesem ganzen Bereich gestalten, und was ist nur abzuarbeiten?

In den Wochen danach hat sie sich Fragen gestellt, die in ihrer ganzen Laufbahn nie vorgekommen waren. Wofür bin ich verantwortlich und wofür nicht? Was davon will ich gestalten? Welche Wirkung soll das für die Menschen in beiden Teams haben?

Solange Leistung reichte, hatte sie diese Fragen nie gebraucht.

Warum Organisationen Rollen statt Anerkennung vergeben

Mehr Verantwortung ist nicht dasselbe wie mehr Aufgaben. Wer gelernt hat, über Leistung dazuzugehören, erlebt beides aber gleich. Jede neue Rolle wird zum Beweis, und Beweise gibt man nicht ab.

Organisationen verstärken das. Ich habe viele Jahre in Häusern gearbeitet, in denen Anerkennung kaum ausgesprochen wird. Dort wird sie in Rollen ausgezahlt: Wer liefert, bekommt mehr. Ob der Bereich danach noch sinnvoll aufgebaut ist, fragt niemand. Auch die Frau selbst nicht.

Mit Belastbarkeit hat das nichts zu tun. Hier beginnt Führungsreife: Die Frage, was du gestaltest, kommt vor der Frage, was du schaffst.

Drei Stufen: Wie sich deine Rollen als Führungskraft verändern

🟠 Stufe 1 · Draufpacken

Wie das aussieht: Jede neue Aufgabe landet oben auf dem Stapel. Du gibst nichts ab, weil nichts davon unwichtig ist, und bist stolz darauf, dass du es hältst.

Was das mit dir macht: Deine Tage sind voll, aber selten mit dem, wofür du eigentlich da bist. Das Erdrückende hältst du für zu viel Arbeit.

🟢 Stufe 2 · Sehen und trotzdem Ja sagen

Wie das aussieht: Du weißt, dass es zu viel ist. Du sortierst und delegierst ein Stück, und bei der nächsten Rolle sagst du Ja, bevor du nachgedacht hast.

Was das mit dir macht: Du bist müde und kannst es nicht erklären, weil auf dem Papier alles funktioniert. Du weißt es besser und handelst trotzdem wie vorher.

🟡 Stufe 3 · Aus der Gesamtverantwortung gestalten

Wie das aussieht: Bevor du eine Rolle übernimmst, fragst du, was der ganze Bereich von dir braucht. Manche Rollen legst du bewusst ab, andere gibst du weiter.

Was dir das ermöglicht: Du übernimmst Rollen, weil du sie gewählt hast. Dein Team bekommt Raum, den du vorher selbst gefüllt hast. Und Anerkennung ist nicht mehr der Preis für deinen Platz.

    Ein Experiment zum Ausprobieren

    Schreib alle Rollen auf, die du in deiner Führung gerade tatsächlich ausfüllst. Nicht die aus der Stellenbeschreibung, sondern die aus deinem Alltag. Dann frag dich bei jeder: Würde ich sie auch übernehmen, wenn niemand sähe, dass ich es tue?

    Du musst nichts ändern. Schau nur hin.

    Was hinter dem Erdrückenden steckt

    Wenn sich deine Verantwortung erdrückend anfühlt, heißt das nicht, dass du ihr nicht gewachsen bist. Vielleicht hat dich nur nie jemand gefragt, was du darin gestalten willst. Und du dich selbst auch nicht.

    Mehr darüber, wie Leistung zur Eintrittskarte wird und was sich verändert, wenn du das siehst, findest du in meinem Buch Ungezähmt führen.

     

    Buchcover "Ungezähmt führen: Female Leadership in bewegten Zeiten" von Eva Zweidorf

    Über Eva Zweidorf

    Eva Zweidorf begleitet Führungsfrauen in der Tiefe in Einzelbegleitung, in Formaten und in ihrem Buch »Ungezähmt führen — Female Leadership in bewegten Zeiten« (Business Village Verlag).

    Anfragen: ezw@kulturreform.com

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