100 JAHRE WERDE ICH AUCH

Ich klingle an der Wohnungstür. Es dauert etwas und plötzlich öffnet sich die Tür – zögerlich und behutsam. Vor mir steht aufrecht, strahlend und voller Freude meine frisch „gebackene“ einhundertjährige Oma. Was bin ich stolz, voller Respekt und Bewunderung! Und gleichzeitig hüpft mein Herz. Wenn ich sie so sehe, scheinen die einhundert Jahre mit Leichtigkeit möglich.

DER WUNDERSCHÖNE BLICK AUF DEN DOM

Ihr Alter, ihre Ausstrahlung und ihr Lebensmut lösen in mir so viel Zuversicht, Kraft und Freude aus, dass ich spüre, auch ich kann einhundert Jahre werden und ich werde es. Vor mir liegt also noch einmal die Hälfte meines Lebens, wie wundervoll. Was kann ich alles noch wahrnehmen, bewundern, erschaffen und gestalten.

Sie bittet mich in ihre Wohnung hinein und wir gehen gemeinsam auf ihren kleinen Balkon und setzen uns. Sie macht mich in diesem Moment darauf aufmerksam, wie wundervoll sie es mit dem kleinen Balkon hat, wo sie doch jeden Tag den schönen Blick auf den Dom genießen darf. Ich sitze ihr gegenüber und beobachte sie. Dabei schweifen meine Gedanken ab und ich versuche zu konstruieren, was mir bei ihr auffällt, dass sie heute einhundert Jahre und jung geblieben ist. Dabei denke ich an zwei Aspekte, die ich immer wieder wahrnehmen konnte.

MIT JAMMERN BEGINNT DAS ALTERN

Wenn ich mich zurückerinnere, dann fällt mir auf, dass sie eigentlich nie oder kaum gejammert hat. Und wenn, dann hat sie sich oft selbst sehr schnell korrigiert. Sie hat sich hier anders verhalten, als vielleicht einige ihrer Zeitgenossen.

Denn oft ist Jammern für einige Menschen ein „Privileg“ des Alters. Man kann dies so wundervoll bei einigen Mitbürgern, aber auch schon Mitarbeitern beobachten: Was man nicht alles schlecht findet in der Welt, in seinem Umfeld und im eigenen Unternehmen. Im Extremfall ist die ganze Welt schlecht, die Unternehmen verrückt und daher man selbst der einzig
Gute und Normale. Und beobachtbar ist in diesem Zusammenhang, dass das Altern anfängt, wenn Jammern und Klagen über das Leben und die Umwelt ein Wesenszug des Menschen wird.

Warum fangen wir irgendwann an zu jammern, warum wird die Klage über die Welt, über unser Umfeld oder über unser Unternehmen eine Wesenseigenschaft von uns selbst? Das Selbstmitleid ist wahrscheinlich die einzige Antwort für das Jammern. Ohne Selbstmitleid gibt es kein Jammern.

FÜR DIE EIGENEN LEBENSUMSTÄNDE EINSTEHEN

Schaut man genauer hin, so ist Selbstmitleid eine Charaktereigenschaft, mit der wir uns unendlich viel Leid und Schwere zufügen können. Man könnte fast daraus die Erkenntnis ziehen, dass Selbstmitleid dazu dient, die Selbstverantwortung zu verhindern und ein Ausdruck einer gestörten Identität ist. Selbstmitleid ist die Basis eines verzweifelten Selbstkonstrukts, dass leider oftmals
noch mit Stolz verteidigt wird.

Jammern in Wiederholung kann also zu einem Lebensstil werden. Zu beobachten ist, dass es einsetzt, wenn man schon einige Lebensjahre hinter sich hat und angesichts der eigenen Lebensherausforderungen es nicht gelungen ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen, sondern die Schuld meist bei den anderen oder im Außen sucht.

Was war anders bei meiner Oma? Ich habe sie als eine Frau erlebt, die bis ins hohe Alter immer die volle Verantwortung für sich selbst übernommen hat. Ob dies die Verantwortung für Krankheiten, nicht gelungene Beziehungsgestaltungen oder Lebensumstände war, die ggf. auch nicht immer Glück bescherten. Sie wusste immer, dass sie selbst für ihr Leben und ihre
Lebensumstände einen Anteil zu tragen und dafür einzustehen hat. Diese Haltung hat sie zu einer geerdeten Frau gemacht und sie ist dabei jung geblieben. Es geht darum Konsequenzen zu ziehen und kreative Lösungen zu suchen. Es gibt sie immer und sie hat es auf ihrer Art bewiesen.

EIN ERFÜLLTES LEBEN

Ich frage mich, wenn ich sie so sitzen sehe, ob sie ein erfülltes Leben hat und woran man dies festmachen könnte. Dabei müsste ich die Frage beantworten, ob und wie sie ihr Leben erlebt.

Die meisten Menschen leben kein erfülltes Leben, weil sie Ihr Leben nicht erleben. Man kann sein Leben nur erleben, wenn man sich unmittelbar von dem was man erlebt, berühren lässt, mit voller Aufmerksamkeit im Jetzt ist und dies sogar noch genießen oder annehmen kann.

Unser Leben hält in jedem Moment etwas für uns bereit, was uns berühren kann. Durch diese Berührung werden wir gefesselt und sind nicht mehr der oder die Alte. Irgendwie hat dies meine Oma gespürt. Sie hat sich von dem Augenblick immer wieder fesseln lassen. Sei es eine Tasse Tee, die duftet, die Rosen, welche in ihrem Garten erstrahlten, der Anblick eines
dynamischen aufgeweckten Menschen, der Klang eines schon lange nicht mehr gehörten Liedes.

Und wenn ich mich erinnere, dann ist es genau dies, was meine Oma immer so wundervoll konnte und bis heute noch kann. Sich für den Augenblick Zeit nehmen, hineinhören und genießen. Sie berichtet so oft von einem schönen Buch, was sie in die Hand nimmt, ihrer Musik, die sie über Jahre gesammelt hat und sich immer wieder daran erfreut und ihre alten Bilder, die sie genießen kann und so sehr liebt. Im Garten forderte sie mich auf, die schönen Blumen zu betrachten oder ihr von der letzten Urlaubsreise zu erzählen. Gerade in den letzten Jahren ist mir besonders aufgefallen, dass sie genau dies in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt hat. Beobachtbar ist, dass für sie ein erfülltes Leben nicht ein Leben ist, wo man vieles versäumt, sondern ein Leben, in dem man nichts von dem, was man erlebt, versäumt. Das heißt alles zu leben und die Kunst im Detail zu sehen und den jetzigen Moment zu genießen. Oft erzählt sie mir am Telefon, wie sehr sie noch bis heute von diesem schönen Moment unserer Begegnung zehrt.

 

IN JEDEM MOMENT JUNG WERDEN 

Ein erfülltes Leben ist wahrscheinlich, wenn man in jedem Moment neu und jung werden kann, egal wo wir uns gerade befinden, weil uns die Berührung des Moments wichtiger ist als unsere Sicherheit oder das Streben nach einem Ziel. Das Leben kann ggf. auch dann aufregend sein, wenn scheinbar für viele gar nichts passiert. So bleiben wir irgendwie in Leichtigkeit und jung.

Die Gedanken stimmen mich zufrieden, machen mich nachdenklich und fordern mich auf. Vielleicht ist es jetzt ein guter Zeitpunkt diese Erkenntnisse und diese Berührung des Augenblicks bei dem Gegenübersitzen von meiner Oma noch einmal für das eigene Leben Revue passieren zu lassen. Alltagsmomente zu adaptieren und sich noch mehr in Leichtigkeit zu üben, denn schließlich ist mein Motto: 100 Jahre werde ich auch.

EIN ERFÜLLTER ALLTAG

Überträgt man dies nun auf unseren Unternehmensalltag und auf die Gestaltung einer Unternehmenskultur, so können wir daraus so viel lernen.

Die beiden Aspekte wie Selbstverantwortung, statt Selbstmitleid und die Berührung der vielen Momente im Unternehmen könnten ein großer Trigger sein, damit Unternehmen und deren Unternehmenskultur jung und erfüllt bleiben. Stellt man sich vor, dass ein vielfach verbreitetes Selbstmitleid, sich umwandeln ließe in Selbstverantwortung oder dass die vielen Tagesmomente, nicht unentwegt als anstrengend, belastend und schwer bewertet werden, sondern als wichtige Ereignisse mit besonderer Berührung und Erkenntnis angenommen werden können, dann wären wir doch vielfach sehr weit vorn. Wir würden Leichtigkeit, Energie und Frische in die Unternehmen hineinbekommen. Wir könnten den so ersehnten fast frühlingshaften Spirit spüren. Fangen wir also bei uns selbst an und streben wir nach einem erfüllten Alltag, in dem wir gern Selbstverantwortung übernehmen.

 

#ICH(SELBSTFÜHRUNGS)KULTUR

 

 

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