Es ist Montag früh kurz nach 8:00 Uhr und Marc hätte schon lange im Zoom-Call sitzen müssen- Stattdessen testet er immer noch den Homeschooling-Zugang seines Sohnes, der gelangweilt neben seinem Vater steht und gleichgültig die Achseln zuckt.

Dass Marc um 8:00 Uhr morgens bereits genervt ist und seine gesamte Energie für den Tag verbraucht hat, hat mit seiner Haltung zu tun.

WIR AKZEPTIEREN GROßZÜGIG NICHT FÖRDERLICHE EMOTIONEN
Der Umgang mit den verschiedensten Situationen unseres Alltags ist durch unsere Haltung bestimmt. Diese hat sich im Laufe der Zeit durch unser Elternhaus, das soziale Umfeld und die Kultur, in der wir leben, entwickelt. Wir haben im Laufe der Zeit Glaubenssätze, Verhaltensmuster und ICH-Strategien entwickelt, welche wir zur Bewältigung des Alltags nutzen. Es entsteht bei uns der Eindruck, dass das was wir wahrnehmen und entsprechend interpretieren die absolute Wahrheit ist. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Haltung und die Denkweise die „Richtige“ sei, da wir ja auch über keine andere verfügen.

Was wir allerdings als Widerspruch wahrnehmen, aber oft verdrängen, sind unangenehme Emotionen wie Wut, Zweifel, Druck und Ohnmacht sowie ggf. körperliche Symptome wie Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Unwohl- oder Erschöpftsein. Oft stelle ich sogar fest, dass die nicht förderlichen Emotionen mittlerweile als Teil der Haltung unbewusst akzeptiert und daher gar nicht mehr in Frage gestellt werden. Man kann sie gar nicht mehr spüren.

WANN FANGEN WIR AN INNEREN WACHSTUM ZU WÄHLEN
Was hier zum Ausdruck kommt, ist die Widersprüchlichkeit unserer inneren Haltung zum Umfeld. Wir halten an dieser Haltung fest und schieben eine Auseinandersetzung mit inneren gegensätzlichen Empfindungen beiseite. In der Konsequenz bilden wir keine bestmögliche Synergie mehr mit uns und unserer Umgebung.

Dieses Phänomen wird noch verstärkt, wenn sich unser Umfeld rasanter entwickelt, als wir die Reife unserer Haltung überhaupt entfalten können. Diese innere Reife, die uns den Umgang mit der Komplexität deutlich erleichtern könnte, ist oftmals bei Weitem nicht so ausgebildet, denn Reife ergibt sich nicht nur aus unserem Umfeld, sondern auch aus einer persönlichen inneren Auseinandersetzung.

Innere Reife hat vor allem mit dem eigenen inneren Wachstum zu tun und ist eine bewusste Entscheidung. Dazu kommt, dass dies nicht mit Tools, Methoden und einem beschriebenen Prozess hergestellt werden kann, sondern ein eigenes Wahrnehmen, Lernen und Reifen ist. Es ist eine Suche und ein Weg, der ggf. nie abgeschlossen sein wird und kann. Allein deshalb nicht, da sich menschliche Reife im Kontext der Evolution immer weiterentwickeln wird.

ERWARTUNGEN ENTSTEHEN AUS UNSEREN VORHERRSCHENDEN HALTUNGEN
Mal abgesehen davon, dass bei Marc an diesem Morgen vieles zusammenkam, so können wir anhand seiner Reaktion, seiner Ausdrucksweise und seiner Sprache seine innere Haltung erkennen. Diese beruht auf Marcs subjektiver Wahrnehmung und löst in ihm eine große Erwartungshaltung an sein gesamtes Umfeld aus. Die Schule, sein Sohn, sein Kollege oder seine To-Do-Liste sollen sich ihm gegenüber so verhalten, dass er an diesem Morgen keinen Stress hat. Diese Haltung ist stark konformistisch, rational und funktional geprägt und Mark überträgt sie auf sein Umfeld. Er geht davon aus, dass sie rational handeln und funktional reagieren können, weshalb er erwartet, dass sie erkennen, wie sehr ihr Verhalten ihn verärgert.

Leider verhalten sich die Dinge und Menschen in der Welt bei Weitem nicht so, wie es unseren subjektiven individuellen Erwartungen entspricht. Menschen sind keine rationalen, sondern emotionale Wesen und selbst wenn die Schule, die To-Do-Liste und der Kollege ihre eigenen Funktionen innehaben, so müssen ihre Verhaltensweisen nicht ihren Funktionen entsprechen.

SICH SELBST EINE OFFENERE HALTUNG ERMÖGLICHEN
An diesem Beispiel wird erkennbar, dass die innere Haltung von Marc an diesem Morgen in einem kompletten Widerspruch zu seinem Umfeld steht und daher nur Unzufriedenheit und negativen Stress auslösen kann.

Welche innere Haltung wäre für solch eine vielfältige und komplexe Alltagssituation zuträglicher – eine relativierend individualistischere Haltung. In dieser Haltung würde Marc seine Wahrnehmung relativieren können. Er würde erkennen, dass die angesetzte Erwartungshaltung nicht angemessen ist und dass das was er als Stress bei sich selber erzeugt, etwas ist, was er selber durch seine Gedanken und Gefühle hervorgerufen hat. Das individualisierte Verhalten der einzelnen Protagonisten in seinem Umfeld könnte er so besser respektieren und die Erkenntnis annehmen, dass sie sich ggf. gar nicht anders verhalten können.

Könnte Marc dies gelingen, dann würde er auch nicht schon morgens um 8:00 Uhr seine ganze Tagesenergie verbrennen. Er würde innerlich gelassen und „leicht“ bleiben können, sein Körper würde sich nicht verkrampfen und zusammenziehen und gedanklich würden sich mehr Lösungswege aufzeigen, weil er nicht in sich „geschlossen“ ist.

DEINE PERSÖNLICHE REIFE IST ENTSCHEIDEND
Ob wir heute mit den Herausforderungen einer komplexen Welt „leicht“ umgehen können, hängt davon ab, in welcher innerlichen Reife wir angekommen sind. Unsere eigene innerliche Reife fußt wiederum auf unserer Wahrnehmung. Je mehr wir alles, was wir wahrnehmen, in seiner einzigartigen Individualisierung respektieren und nicht lediglich akzeptieren, desto leichter wird es uns fallen mit unserem Umfeld und deren Anforderungen umzugehen und desto mehr Handlungsoptionen werden wir für uns erkennen können.

Deine zufriedene Arbeitskultur, welche Du Dir selber erschaffst und lebst, hängt mit Deiner inneren Haltung und damit auch mit Deiner persönlichen Reife zusammen.

#ichkultur

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